Bevölkerungsschutz

Neujahrsempfang der Verbandsgemeinde Loreley: Zwischen Region, Europa und der Weltpolitik


Region.

Rund 80 Gäste waren der Einladung gefolgt. Ortsbürgermeister Ralph-Dietmar Seitz stellte Auel als kleine, engagierte Gemeinde mit rund 180 Einwohnern vor, in der Ehrenamt und Gemeinschaft tragende Rollen spielen. Den musikalischen Rahmen gestaltete gekonnt der Quartettverein 1907 Osterspai unter der Leitung von Winfried Kahl.

Zunächst eröffnete Bürgermeister Mike Weiland den Abend mit einem klaren Bekenntnis zum Ehrenamt: Vereine, Feuerwehren, Initiativen und kommunalpolitisch Engagierte seien das Fundament des Zusammenlebens in der VG. Unter dem Leitgedanken von Zuversicht stellte er gleich zu Beginn einen Satz von Ministerpräsident Alexander Schweitzer an den Anfang, der auch als Klammer um zahlreiche folgende Aufgaben für die kommenden Jahre passte: „Zuversicht ist immer auf der Seite derjenigen, die etwas zum Guten bewegen wollen.“ Und er ergänzte mit Blick auf die Heimat: „Wo der Rhein glitzert, wächst die Zuversicht!“ Ein Schwerpunkt lag auf dem Landesprogramm „Regional.Zukunft.Nachhaltig.“, über das in den nächsten drei Jahren mehr als 2,6 Millionen Euro in insgesamt 88 Projekte fließen – von Dorfentwicklung über Klimaschutz bis hin zur kommunalen Katastrophenvorsorge, etwa durch ein geplantes Starkregen-Warnsystem.

Katarina Barley

 

Weiland streifte kurz die großen Vorhaben der VG, Hallenbad, Verwaltungsneubau, Feuerwehr St. Goarshausen, Marksburgschule und die Gastronomie am „Mythischen Felsen“. Er machte deutlich, wie stark solche Projekte Personal, Planung und Finanzen binden – parallel zu zahlreichen Maßnahmen in den Gemeinden, etwa bei Straßenbau und Sanierungen. Auch aktuelle Beispiele wie Arbeiten in Osterspai, Kestert, Braubach und Dachsenhausen sowie der erfolgreiche Abschluss beim Mobilfunkmast im Hinterwald fanden Erwähnung, wo es der Verwaltung und Mike Weiland, aber nicht der Politik gelungen ist, ein Unternehmen zu finden, das jetzt investiert und dabei ist, einen Mast zu errichten. Mit Blick nach vorne sprach Weiland zudem über Themen wie Ganztagsförderung, Digitalpakt und Sondervermögen, deren Auswirkungen sich letztlich vor Ort zeigen, aber derzeit noch viele Unbekannte in sich haben. Auch die BUGA 29 spielte als Zielmarke, an der sich viele ausrichtet, eine Rolle.

Einen weiteren Akzent setzte Weiland bei der Unterstützung des Ehrenamts. Neben finanziellen Hilfen für Vereine über die Kulturförderung kündigte er strukturelle Verbesserungen an, die vom Ehrenamtslotsen unterstützt werden, neue Austauschformate und einen erstmals geplanten Vereinsabend. Auch niedrigschwellige Ideen wie eine „Plauderbank“ als Ort der Begegnung seien Teil dieses Ansatzes.

Europa.

Landrat Jörg Denninghoff griff den Gedanken des Zusammenhalts auf, weitete den Blick jedoch auf die internationale Lage. Globale Krisen und politische Spannungen, so seine Einschätzung, blieben nicht ohne Wirkung auf das lokale Umfeld. Mit einem kurzen, humorvollen Seitenhieb auf die USA mit Blick auf die Loreley lockerte er vor dem gekonnten Grußwort der Loreley-Repräsentantin Selina den Übergang zu dem Programmpunkt auf, der dem Abend eine weitere, neue Tiefe verlieh.

Weltpolitik.

Katarina Barley, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, hielt keine klassische Festrede, sondern sprach offen über die politische Lage in Europa. Im Saal wurde es spürbar still. Die Gäste schienen an Barleys Lippen zu kleben, weil sie sehr deutliche und auch klare Worte verwendete, wie die Bürger es lieben. Sie thematisierte Machtpolitik, autoritäre Tendenzen und den Rechtsruck in mehreren Ländern sowie die Auswirkungen auf politische Debatten und Entscheidungsprozesse. Dabei betonte sie die Bedeutung europäischer Prinzipien, beispielsweise Solidarität und Frieden. Sie fand einen sehr passenden Vergleich und stellte Europa dem Loreley-Felsen gleich: „Viele meinen, die da oben sind viel zu weit weg.“ Da müsse man aufpassen, dass das Schiff nicht an den Felsen prallt und zerschellt, weil es keinen interessiere, was aus Europa werde. „Wollen wir, dass all das Gute, Frieden, Solidarität, dass 27 Länder friedlich miteinander Wege ohne Krieg finden, kaputtgeht?“, so Barley. Das gehe uns alle an, zog sie die Zuhörer in den Bann und zitierte Helmut Schmidt: „Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen.“ Europa, so Barley, stehe für das oft mühsame, aber friedliche Aushandeln von Kompromissen – ein Wert, der in unsicheren Zeiten besonders verteidigt werden müsse. Wer im Glauben gekommen war, nur  kommunale Themen zu hören, bekam plötzlich die weltweite Perspektive aufgezeigt, mitten im ländlichen Raum, der VG und der kleinen Gemeinde Auel, ohne großen Rahmen, aber mit klaren Worten, die die Gäste beeindruckten. Daher müsse man im Großen wie im Kleinen miteinander reden, sich zusammenraufen und genau da müsse auch Europa wieder hin. „Wir müssen wieder mehr Gewicht auf die Gemeinschaft legen, die hier in der VG noch durchs Ehrenamt funktioniert“, so Barley unter großem Applaus.

musikalischer Beitrag


Region.

Und genau dorthin kehrte der Abend dann wieder zurück. Bürgermeister Mike Weiland verlieh Roger Lewentz die Ehrenmedaille des Bürgermeisters der VG, weil genau er nicht nur beruflich, sondern vor allem auch seit Jahrzehnten ehrenamtlich für die Heimat und die Menschen eintritt. Darüber hinaus würdigte Weiland in seiner Laudatio natürlich auch Dinge, die Roger Lewentz beruflich bewegen konnte. Hier ging es insbesondere um Lewentz’ Rolle bei der Entwicklung des Loreley-Plateaus, als Ideengeber der BUGA 2029 sowie bei langjährigen Infrastrukturthemen wie der Ortsumgehung Braubach und der Mittelrheinbrücke oder der Bekämpfung des Bahnlärms. Auch in Krisensituationen habe Lewentz Verantwortung übernommen und Entscheidungen getroffen, so etwa bei der Havarie des Tankmotorschiffs Waldhof an der Loreley und zahlreiche Sportvereine oder Feuerwehren in den Gemeinden hätten von seinem Lebenswerk profitiert. Die überraschende Ehrung wurde vom Publikum mit langem Applaus aufgenommen, denn er bleibt auch nach seinem hauptberuflichen Ruhestand, der bald eintritt, für die Heimat ehrenamtlich aktiv.

Der Neujahrsempfang zeigte damit, wie eng kommunale Arbeit, regionale Entwicklung und europäische sowie Weltpolitik miteinander verknüpft sind – und dass selbst ein lokaler Jahresauftakt Raum für große politische Perspektiven bieten kann.